Wiederverwendung im Bau ist längst keine Nebensache mehr. In ihrem Berufsalltag sieht Sarah Ackermann, wie stark die Branche in Richtung Kreislaufwirtschaft drängt und wo es noch Potenzial gibt. «Es überzeugt mich zu sehen, dass praktisch jeder Stakeholder in der Baubranche etwas zur Wiederverwendung beiträgt», sagt sie. Für sie ist ReUse längst kein Nischenthema mehr, sondern eine Aufgabe für Politik, Bauunternehmen, Fachplaner:innen und Produkthersteller:innen.
Gemeinsam nach Lösungen suchen
Den Weg in diese Rolle hat sich Sarah Ackermann Schritt für Schritt erarbeitet. Sie studierte Bauingenieurwesen, startete als Bauleiterin und wechselte später in den Bereich Nachhaltigkeit. Vor rund fünf Jahren erfolgte der Kontakt zu Cirkla, wo sie als Koordinatorin auch am Aufbau des Netzwerks mitwirkte. Den Verband versteht sie als Drehscheibe der Branche: «Cirkla hat die Aufgabe, Synergien zu finden und zu stärken.» Entscheidend sei, Wissen und Erfahrungen zu teilen, statt isoliert nach eigenen Lösungen zu suchen.
Inventar als wichtigste Massnahme
Ein Meilenstein auf dem Weg zu zirkulären Prozessen bildet die neue Studie zu ReUse in der Bauindustrie, die Sarah Ackermann verfasst hat. Interviews, Umfragen und Literaturauswertungen zeichnen ein deutliches Bild: «Wir sehen, dass wir die Pionierphase hinter uns haben. Fast jede Organisation im Sektor hat bereits ein ReUse-Projekt realisiert», freut sie sich. Die zentrale Bedeutung von ReUse-Inventaren sei absolut unbestritten. Gemeint ist die systematische Erfassung der wiederverwendbaren Bauteile vor einem Rückbau. «Das ReUse-Inventar ist die erste und wichtigste Massnahme, um Kreislaufwirtschaft in der Baubranche zu skalieren», fasst sie zusammen. Insgesamt identifiziert die Studie 39 Massnahmen. Für Sarah Ackermann stechen standardisierte und harmonisierte Leitfäden hervor, die künftig in Leistungsverzeichnisse und Baunormen einfliessen sollen. Ausserdem brauche es gezielte Schulungen und klare Lösungen im Versicherungsbereich. Dort würden nach wie vor grosse Unsicherheiten bestehen.
Produktion in der Verantwortung
Trotz Fortschritt bleibt für Sarah n Ackermann vieles ungelöst. Die Interviews zeigten, dass Kreislaufwirtschaft, beziehungsweise ReUse noch nicht entlang der gesamten Lieferkette verankert ist. Die Verantwortung liegt weiterhin vor allem bei der Planung, während Produkthersteller:innen erst zögerlich reagieren. Ihre Vision sind zirkuläre Angebote und Firmen, «die die Verantwortung für die zirkuläre Lieferkette übernehmen und einen durchgängigen Prozess vom Rückbau bis zum Wiedereinbau sicherstellen».
Wichtige Treiber sieht sie zudem bei der öffentlichen Hand. «Ich spüre den grössten Willen derzeit in den Ämtern», sagt sie. Städte und Kantone wie Basel-Stadt übernehmen eine Vorreiterrolle. Gleichzeitig mahnt sie: «Man darf nicht auf neue Regulierungen warten, sondern muss bereits heute kreislauffähige Bauprojekte umsetzen.»
Technisch denkt Sarah Ackermann die Kreislaufwirtschaft weit über die reine Wiederverwendung hinaus. Im Zentrum steht für sie Design for Disassembly – also die Rückbaubarkeit und Trennbarkeit von Bauteilen. Viele Elemente seien heute untrennbar. «Da lässt sich beispielsweise das Holz vom Dämmstoff kaum mehr trennen, weil es verklebt ist», sagt sie. Deshalb sollten Bauteile möglichst geschraubt oder genagelt werden. Wo ReUse nicht möglich ist, müsse zudem die Recyclingbranche gestärkt werden.
Für die Bauingenieurin steht fest: «Wir stehen erst am Anfang des Massenmarkts für ReUse.» Damit Wiederverwendung zur Normalität wird, brauche es effizientere Prozesse und wirtschaftliche Modelle. «Ich hoffe, dass ReUse in den nächsten Jahren wirtschaftlich wird und sich in der Breite durchsetzt.» Ihr ganz persönlicher Wunsch: «Mein Traum ist, dass wir irgendwann kein Material mehr wegschmeissen.»
Hier findest du die Studie zum Download.
Hier steht die Kurzversion bereit.
Hier geht’s zur Medeinmitteilung.
Hier geht’s zur Webseite von Cirkla.
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