Eine Federwiege für 800 Franken, die nach wenigen Wochen nicht mehr gebraucht wird. Ein Beistellbett, das nur einige Monate im Einsatz steht. Und beides schafft sich eine junge Familie an, bevor es im Keller verschwindet. Solche typischen Erfahrungen brachten Claudia Erni und Nadja Agreda auf die Idee für Second Stories. Das Basler Startup zeigt, wie aus einem alltäglichen Problem ein zirkuläres Geschäftsmodell entstehen kann: Statt hochwertige Baby- und Kleinkinderartikel zu kaufen, können Familien diese flexibel mieten und nach der Nutzung zurückgeben. Das spart Ressourcen, reduziert Aufwand und verlängert die Nutzungsdauer von Produkten, die oft viel länger im Einsatz stehen könnten, als sie es tatsächlich tun.
Wie entstand die Idee, Baby- und Kinderartikel zu vermieten?
Nadja Agreda (NA): Es war eine Mischung aus persönlicher Erfahrung und dem langjährigen, gemeinsamen Interesse an nachhaltigen Geschäftsmodellen. Claudia und ich kennen uns aus dem Wirtschaftsstudium und unsere Wege haben sich auch beruflich immer wieder gekreuzt. Wir haben immer gut und gerne zusammen gearbeitet. Seit wir beide Mütter wurden, haben wir ein Problem erkannt, das viele Familien betrifft: Zahlreiche Baby- und Kinderartikel werden nur wenige Wochen oder Monate genutzt, obwohl sie grundsätzlich noch jahrelang einwandfrei funktionieren. Zudem ist das Handling von Baby- und Kleinkinderartikeln – suchen, beschaffen, verstauen, weitergeben oder verkaufen – oft mühsam. Viel einfacher ist es, Dinge zu mieten, die man nur kurz braucht oder einfach mal ausprobieren will.
Claudia Erni (CE): Prägend waren auch konkrete, eigene Erlebnisse. Meine Tochter konnte nicht gut einschlafen und ich wollte deshalb eine Federwiege ausprobieren. So etwas kostet schnell 800 Franken und ist dann doch nur wenige Monate im Einsatz. Ähnliche Beispiele gibt es bei Tragehilfen, Beistellbettchen oder altersabhängigen Spielsachen. Mit Second Stories wollen wir genau diese Lücke schliessen. Das Ziel ist, den jungen Eltern hochwertige Produkte anzubieten und diese gleichzeitig möglichst lange im Kreislauf zu halten. Ein nachhaltiges Angebot und gleichzeitig ein praktischer Mehrwert.
Welchen Vorteil bietet das Mietmodell gegenüber dem klassischen Kauf von Occasionsartikeln?
CE: Occasionsplattformen, Flohmärkte oder Elternnetzwerke leisten bereits einen wichtigen Beitrag zur Wiederverwendung. Gleichzeitig kennen viele Eltern den Aufwand, der damit verbunden ist: Produkte suchen, Anbieter:innen kontaktieren, Besichtigungen organisieren, Transporte koordinieren und später alles wieder verkaufen. Neulich habe ich über einen Facebook-Flohmi ein Babybett gekauft, nun fehlen drei Schrauben und einige Gitterstäbe. Und die Verkäuferin reagiert nun nicht mehr auf meine Nachfragen.
NA: Wir kennen doch alle solche Fälle. Als frischgebackene Eltern sollte man die Zeit in anderes investieren können. Second Stories kombiniert deshalb Kreislaufwirtschaft mit Convenience. Über unseren Online-Mietshop können Familien Baby- und Kleinkinderartikel einfach auswählen und bereits ab einem Monat mieten. Nach der Nutzung senden sie die Produkte zurück, damit sie jemand anderes mieten kann. So sparen Eltern Zeit, überfüllen ihre Keller nicht unnötig und erhalten gleichzeitig Zugang zu hochwertigen Produkten. Das Mietmodell verlängert die Nutzungsdauer der Produkte und macht nachhaltigen Konsum einfacher. Diese Lösung erleichtert ihren Alltag.
Welche Herausforderungen gilt es zu meistern, damit sich Mieten als Modell etabliert?
NA: Die grösste Herausforderung besteht darin, ein neues Konsumverhalten zu etablieren. Viele Menschen sind es gewohnt, Produkte zu besitzen. Das Prinzip «Nutzen statt Besitzen» muss deshalb zuerst Vertrauen gewinnen und zeigen, dass es zuverlässig, flexibel und unkompliziert funktioniert. Gleichzeitig erfordert das Modell hohe Qualitätsstandards. Jedes Produkt wird nach der Rückgabe sorgfältig kontrolliert, gereinigt und auf Sicherheit geprüft. Erst danach gelangt es zurück in den Mietshop. Dieser Prozess ist aufwändig, bildet aber die Grundlage für das Vertrauen in unser Angebot.
CE: Wir investieren aktuell viel Zeit in den direkten Austausch mit werdenden Eltern, Hebammen, Geburtshäusern und anderen Kontaktpunkten. Die Rückmeldungen sind sehr positiv und zeigen, dass das Bedürfnis vorhanden ist. Nun geht es darum, Bekanntheit aufzubauen und die Vorteile des Mietens sichtbar zu machen.
Unsere Vision ist klar: Junge Familien sollen künftig nicht mehr jedes Produkt kaufen müssen, sondern Produkte, die sie nur für eine bestimmte Zeit nutzen möchten, einfach mieten können. Wenn hochwertige Baby- und Kinderartikel mehrfach verwendet werden, profitieren Familien und Umwelt gleichermassen.
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