«Ein Backstein, den niemand mehr will, ist für mich ein Material, das bereits da ist. Es braucht keine zusätzlichen Ressourcen mehr», sagt Eva Brunner. Die Basler Textildesignerin sammelt auf Baustellen, was andere entsorgen: Ziegelbruch, Aushub oder alte Wandreste. Daraus gewinnt sie Pigmente für den Siebdruck und schafft Textilien, die ihre Herkunft sichtbar machen.
Farbe neu gedacht
Im textilen Siebdruck dominieren synthetische Pigmente. Sie basieren jedoch meist auf Erdöl. Eva Brunner suchte darum nach Alternativen. Natürliche Pigmente hätten historisch eine lange Tradition, seien heute aber stark in den Hintergrund geraten, erklärt sie. Gleichzeitig stellte sich auch die Ressourcenfrage: Pflanzenfarben benötigen Wasser, Energie und Anbauflächen und basieren teilweise auf Rohstoffen, die auch als Nahrungsmittel genutzt werden.
Eva Brunners Weg führte schliesslich zu den mineralischen Pigmenten. «Das war eine grosse Herausforderung für mich, und ich wollte unbedingt herausfinden, ob ich damit arbeiten kann.» Mineralische Pigmente – also Farben aus Erde, Stein oder gebranntem Material – gelten als besonders lichtecht und bleichen nicht aus. Gleichzeitig stellen sie andere Anforderungen an die Verarbeitung als synthetische Pigmente, etwa bei der Aufbereitung und im Druckprozess.
Kreislauf beginnt auf der Baustelle
Der Ausgangspunkt von Eva Brunners Arbeit ist immer ein bereits vorhandenes Material. «Bei jedem Bauvorhaben fallen mineralische Materialien an.» Sie sammelt diese vor Ort, mahlt das Material zu feinem Pulver und entwickelt daraus eine druckfähige Farbe. Nach dem Druck wird die Farbe auf der Textilie fixiert, der Stoff wird gewaschen und weiterverarbeitet. So entsteht ein geschlossener Kreislauf: Die Farbe eines Gebäudes kehrt als Textilie in den Raum zurück. Vorhänge, Kissen oder Raumtextilien tragen buchstäblich die Geschichte des Ortes in sich. «Es ist somit ganz auf diesen Ort, auf diesen Raum bezogen und sehr individuell und eng mit der Identität des Gebäudes verknüpft», sagt Eva Brunner.
Der Ansatz verbindet mehrere Prinzipien der Kreislaufwirtschaft: Vorhandene Materialien werden wiederverwendet, zusätzliche Ressourcen geschont und Transportwege reduziert. Mit der Verarbeitung verändert sich auch der Blick auf das Material. Was auf der Baustelle als wertloser Rest erscheint, wird im Atelier zu Farbe für textile Anwendungen. «Das Material wird durch die Aufarbeitung von eigentlichem Dreck etwas Wertvolles.»
Nomination für den Swiss Design Award
Im Forschungsprojekt Basler Erdfarben hat Eva Brunner diesen Ansatz gemeinsam mit den beiden Gestalterinnen Zoe Vai und Leonie Amsler vertieft. An 21 Fundorten in Basel sammelten sie Erden von Baustellen, aus Parks und Flussräumen und verarbeiteten sie zu Farben auf Textil, Papier und Keramik. Die Zusammenarbeit habe gezeigt, wie vielseitig sich dieselben lokalen Pigmente in unterschiedlichen gestalterischen Techniken einsetzen lassen. Auch die Fachwelt wurde auf das Projekt aufmerksam: Basler Erdfarben ist für den Swiss Design Award nominiert, der im Juni parallel zur Art Basel verliehen wird.
Die direkte Übersetzung von lokalem Material in Gestaltung löse bei vielen Menschen Überraschung aus, sagt Eva Brunner. Denn oft sei auf den ersten Blick nicht erkennbar, was hinter den zurückhaltenden Naturtönen steckt. «Man muss das spezielle Braun auf dem Stoff dann jemandem erklären», sagt Eva Brunner. Erst wenn der Entstehungsprozess sichtbar werde, erschliesse sich der Wert. Gerade darin liege auch die Stärke ihres Ansatzes: Er verändere die Wahrnehmung von Ressourcen. Was zuvor als Abfall galt, wird zum identitätsstiftenden Gestaltungselement und zum Ausgangspunkt für neue, zirkuläre Prozesse. Neue Rohstoffe zu finden, Produzierende einzubeziehen und Materialien weiterzuverwenden, sieht Eva Brunner als langfristige Aufgabe. «Ich bin überzeugt, dass man etwas verändern kann, wenn man konsequent dranbleibt.»
Einen schönen visuellen Eindruck von Eva Brunners Arbeit gewinnst du in unserem Video Spotlight:
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