Drei Fragen an…

Svenja Karkos über sichtbar gemachte Wertstoffe in Produktionsprozessen.

Viele Unternehmen wollen Material effizienter nutzen, wissen aber nicht genau, wo die grössten Hebel liegen. Genau dieser Frage geht Svenja Karkos bei Endress+Hauser nach.

Mit einem einfachen Excel-Tool, viel Austausch und einem neuen Blick auf Materialflüsse zeigt die Prozessmanagerin, wie Kreislaufwirtschaft in der Produktion zur Chance werden kann – und warum Transparenz, Zusammenarbeit und kleine Veränderungen oft mehr bewirken als grosse theoretische Ansätze.

Warum spricht man heute bei Endress + Hauser von Wertstoffen statt von Abfällen?

In der Produktion sind die Teams darauf ausgerichtet, effizient zu arbeiten und oftmals darauf ausgerichtet, alles, was für den Prozess nicht mehr gebraucht wird, zu entfernen. Irgendwann haben wir uns aber gefragt: Ist dieses Material wirklich wertlos – oder nur für diesen einen Prozess nicht mehr relevant?

Genau hier geschieht der Wechsel vom Abfall- zum Wertstoffdenken. Viele Materialien haben weiterhin einen Wert. Sie können recycelt, intern weiterverwendet oder in manchen Fällen sogar verkauft werden. Nur weil ich für diesen einen Prozess etwas nicht mehr brauche, heisst das nicht, dass es niemand mehr gebrauchen kann.

Dieser Perspektivenwechsel ist auch ein Kulturwandel. Sobald Mitarbeitende beginnen, Materialien als Wertstoffe zu sehen, entstehen automatisch wertvolle neue Ideen, wie man Ressourcen länger im Kreislauf halten kann.

Du hast angefangen, Materialflüsse in einer Tabelle aufzuzeigen. Wie hilft Transparenz dabei, Material effizienter einzusetzen?

Wir haben festgestellt, dass wir viele Daten bereits besitzen. Unser Ziel war es, daraus einen klaren und transparenten Gesamtüberblick zu schaffen..

Wichtig war uns dabei, pragmatisch zu starten. Wir haben keinen grossen Software-Rollout gemacht, sondern ein erstes, einfaches Excel-Tool aufgebaut. Das Tool bildet vereinfacht den Produktionsprozess Schritt für Schritt ab. Für jeden Prozess erfassen wir die Materialinputs und -outputs und unterscheiden beispielsweise zwischen Primärmaterial, zirkulärem Material, Produktoutput, Recyclingströmen und Ausschuss. So wird sichtbar, wo Materialien verloren gehen, wo Wertstoffe entstehen und welche Prozesse den grössten Einfluss auf die Ressourceneffizienz haben. Damit können wir Materialflüsse sichtbar machen und überhaupt erst erkennen, wo Potenziale liegen. Für mich ist das eine wichtige Erkenntnis: Man muss nicht perfekt starten. Man muss mit etwas Einfachem anfangen, so riskiert man auch keine unnötigen Investitionen.

Wichtig ist aus meiner Sicht zudem, die gewonnenen Erkenntnisse zu teilen. Ich sehe keinen Grund, warum Unternehmen bei solchen Methoden nicht voneinander lernen sollten. Kreislaufwirtschaft funktioniert nicht innerhalb einzelner Werkstore. Wenn mehr Unternehmen verstehen, wo Materialverluste entstehen und wie sich Ressourcen besser nutzen lassen, profitieren ganze Wertschöpfungsketten davon. Deshalb sprechen wir offen über unseren Ansatz, den Umgang mit den Materialien effizienter zu gestalten.

Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden und externe Dienstleister:innen bei der Transformation zur Kreislaufwirtschaft?

Eine der schönsten Erfahrungen im Projekt war, zu sehen, wie viele Ideen direkt aus der Produktion kamen. Die Mitarbeitenden erleben die Prozesse jeden Tag und erkennen Potenzial oft schon früh.

Ich habe erlebt, dass viele Mitarbeitende dankbar waren, gemeinsam an einen Tisch zu kommen und konkrete Herausforderungen anzusprechen. Oft ging es um ganz praktische Fragen: Warum brauchen wir dafür drei Reinigungstücher? Warum ist dieser Arbeitsschritt so kompliziert? Oder wie könnten wir Wertstoffe einfacher trennen, ohne zusätzliche Arbeit zu verursachen? Gemeinsam mit Göknur Bektas von GÖBEK arbeiten wir daran, Entsorgungsprozesse besser zu verstehen und datenbasiert den Umgang mit anfallenden Wertstoffen weiterzuentwickeln. Ziel ist es, Kosten zu senken, Wertstofferlöse zu erhöhen und eine fundierte Datengrundlage zu schaffen, um langfristig entlang der Abfallpyramide Transparenz zu schaffen, Abfälle zu vermeiden und Ressourcen effizienter im Kreislauf zu halten.

Ich bin überzeugt: Kreislaufwirtschaft kann nur im Zusammenspiel von Mensch und Technologie funktionieren. Daten helfen uns zwar, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten entstehen aber meist im Dialog mit den Menschen, die täglich mit den Prozessen arbeiten.

Oft reichen kleine Veränderungen an den richtigen Stellen. Deshalb ist auch die Reihenfolge der Massnahmen ganz wichtig. Ein wichtiger Grundsatz lautet: Erst optimieren, dann digitalisieren. Die Digitalisierung ist häufig die Kirsche auf der Torte – der eigentliche Mehrwert entsteht durch das Verstehen und Verbessern der Prozesse.