Drei Fragen an…

Christopher Kronenberg über Wirksamkeit und Wettbewerbsvorteile.

Kreislaufwirtschaft ist nicht Umwelt-, sondern Wirtschaftspolitik, betont der Wiener Forscher.

Kreislaufwirtschaft scheitert bestimmt nicht an fehlenden Ideen, sondern am System. Wien geht die Umsetzung seiner Strategie systemisch an und operiert mit einer spezifischen Messgrösse.
Prof. Dr. Christopher Kronenberg lehrt und forscht an der Fachhochschule des BFI in Wien und zeigte am Full Circle Symposium am Beispiel seiner Stadt auf, welche Hebel wirklich zentral sind, damit die Strategie ihre Wirksamkeit erlangt. Ein Gespräch über klare Ziele, sinnvolle Regulierungen und handfeste Wirtschaftsinteressen.

Was macht die Kreislaufwirtschaftsstrategie von Wien heute besonders wirksam?

Einzelinitiativen, wie wir sie früher hatten, reichen nicht. Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn unterschiedliche Hebel zusammenspielen und wir das System als Ganzes betrachten. Gerade Startups entstanden auch in Wien schon immer aus meist guten Ideen, scheiterten aber oft dennoch, weil das Umfeld nicht mitgezogen hat und zum Beispiel die Nachfrage nicht schnell genug da war. Das Fördern von Startups alleine genügt also nicht. Ein systemischer Ansatz ist unerlässlich.
Wien stimmt Massnahmen in den Bereichen Klimaanpassung, Klimawirkung und Kreislaufwirtschaft aufeinander ab. Wien arbeitet zudem mit dem “Materialfussabdruck” als zentrale Messgrösse. Ohne konkrete KPIs und allein mit qualitativen Beschreibungen bleibt Kreislaufwirtschaft nämlich vage. Messbare Ziele machen die Wirkung verständlich und erlauben auch das Testen und Ergreifen von staatlichen Massnahmen. Wien geht diesen Weg.

Welche Hebel entscheiden darüber, ob sich Kreislaufwirtschaft im Markt etabliert?

Einer der stärksten Hebel ist die öffentliche Beschaffung. Wenn Städte in Ausschreibungen klar definieren, wie zirkulär Produkte oder Bauprojekte sein müssen, entstehen neue Märkte. Unternehmen, die Aufträge der öffentlichen Hand wollen, müssen sich entsprechend anpassen und innovativ sein.
Auch Regulierung spielt natürlich eine Rolle. Verbote können Kreisläufe erzwingen, etwa wenn bestimmte Materialien nicht mehr deponiert werden dürfen. In Österreich ist zum Beispiel die Deponierung von Gipsplatten seit Anfang Jahr verboten. Dies führt zu einem anderen Umgang mit diesem Stoff und eröffnet die Möglichkeit für einen Sekundärrohstoffmarkt. Gleichzeitig braucht es neben Verboten auch Anreize und Förderung. Entscheidend ist das Zusammenspiel.
Erst wenn Nachfrage, Regulierung und Innovationsnetzwerke zusammenspielen, etabliert sich Kreislaufwirtschaft in der Breite. Kreislaufwirtschaft ist deshalb nicht primär Umweltpolitik – sie ist Wirtschaftspolitik, regionale Wirtschaftspolitik.

Du bezeichnest Kreislaufwirtschaft für Unternehmen auch als Wettbewerbsvorteil. Woran machst du dies fest?

Die Abhängigkeit von Lieferketten bei der Ressourcenbeschaffung wird zum Risiko – sei es bei kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden oder bei geopolitisch exponierten Vorprodukten. Die Vorstellung der vermeintlich sicheren Verfügbarkeit von Rohstoffen ist überholt. Kreislaufwirtschaft reduziert diese Abhängigkeiten. Für Unternehmen bedeutet das konkret: Die Umstellung auf zirkuläres Wirtschaften sichert seine Versorgung und stärkt seine Wettbewerbsposition. Städte und Regionen, die diesen Wandel aktiv mitgestalten, profitieren doppelt: Sie stärken ihre lokale Wertschöpfung und senken gleichzeitig ihre Anfälligkeit gegenüber globalen Marktschwankungen.

Das Interview wurde am Rande des zweiten Full Circle Symposiums geführt. Einen Eindruck zu diesen spannenden zwei Tagen gewinnst du in diesem Video:

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