Zu viele Schuhe, die grösstenteils zu früh im Abfall landen: Die Schuhindustrie ist ein Sinnbild für linearen Konsum. Seyes bietet einen modularen Schuh an und zeigt damit den Hebel auf, den Produktdesign für die Kreislaufwirtschaft haben kann. Der Ansatz ist nicht nur modisch, sondern strategisch – und ein gutes Role-Model für KMU und Startups, die auf langlebige Produkte statt auf schnelle Ersatzzyklen setzen wollen.
Yves Bührer, wie ist Seyes entstanden – woher kommt die Idee für ein neues Schuh-Prinzip?
Der Auslöser war banal: Meine Tochter wollte verreisen und hatte wegen der Schuhe viel zu viel Gepäck. Gleichzeitig wusste ich aus meiner langjährigen Erfahrung in der Schuhbranche, wie absurd unser System ist. Weltweit werden jedes Jahr rund 24 Milliarden Paar Schuhe produziert – viele davon landen nach kurzer Zeit im Abfall.
Mir wurde klar: Das Problem ist nicht ein einzelnes Modell, sondern das Prinzip dahinter. Also haben wir – mein Sohn Léon und ich – nicht einfach einen neuen Schuh entworfen, sondern ein neues System; einen Schuh, der sich an verschiedene Situationen anpasst und nicht ständig ersetzt werden muss. So entstand Seyes – als bewusster Gegenentwurf zur Wegwerfmode.
Was funktioniert die Modularität bei Eurem Schuh konkret – und wie schliesst Ihr den Materialkreislauf?
Unser Schuh besteht aus drei Teilen: Laufsohle, Einlagesohle und Obermaterial. Die Basis kauft die Kundin idealerweise einmal – und nutzt sie langfristig. Alles andere lässt sich austauschen, ersetzen oder in einer anderen Farbe kombinieren.
Das Entscheidende ist: Wenn ein Teil abgenutzt ist, muss nicht der ganze Schuh weg. Dies führt auch dazu, dass es kostengünstig ist. Mit dem Kauf eines einzelnen Teils, habe ich wieder einen ganzen neuen Schuh – und je öfter ich das mache, desto günstiger ist es pro Paar Schuhe.
Das ganze Prinzip ist zirkulär: Reparatur, Ersatz und Rücknahme sind Teil des Konzepts. Perspektivisch wollen wir verbrauchte Komponenten zurücknehmen und recyceln, indem wir daraus das Granulat gewinnen, aus dem die Sohlen gefertigt sind. Das ist technisch anspruchsvoll und braucht Volumen, aber darauf arbeiten wir hin. Wir haben Rücknahmestellen sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz.
Schuhe sind auch Mode. Wie gelingt der Spagat zwischen Funktion, Wandelbarkeit und Stil?
Unser wichtigstes Kriterium war der Komfort. Wir wollten eine schlichte, bequeme Form in einem klassischen Design. Ein Schuh, in der man sich wohl fühlt. Unser nächstes Ziel ist es, neben neuen Modellvarianten auch Herrenschuhe zu entwickeln – und im Herbst möchten wir ein hinten geschlossenes Modell im Angebot haben.
Die Modularität führt zur Wandelbarkeit, die den Unterschied macht: Eine andere Einlagesohle oder ein neues Obermaterial verändert den ganzen Schuh. So bleibt die Trägerin flexibel – und wir können auch auf Angebotsseite schnell auf Modefarben, Trends oder individuelle Wünsche reagieren. Und wer einen “neuen Schuh” möchte, kann sich diesen Wunsch mit dem Ersatz einer einzelnen Komponente erfüllen. Gutes Produktdesign verlängert damit den Lebenszyklus, reduziert Ressourcenverbrauch und ermöglicht trotzdem Vielfalt. Genau darin liegt sein wirtschaftlicher und ökologischer Mehrwert.
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