Schuhe haben Catherine Meuter schon als Kind fasziniert. So sparte sie ihr Sackgeld über lange Zeit für ein bestimmtes Paar Schuhe und versteckte dieses schliesslich vor ihrer Mutter, weil sie so teure Schuhe nicht zu tragen wagte. Sie war davon fasziniert, wie unterschiedlich Schuhe konstruiert sind, wie sie sich anfühlen und was Menschen mit ihnen über sich selbst ausdrücken können. Catherine Meuter entschied sich schliesslich für ein Industriedesign-Studium in Basel. Ihre Diplomarbeit, ein faltbarer Origami-Schuh, schaffte es in das Buch «50 Shoes That Changed the World» des Londoner Design Museum. Danach arbeitete sie für Modemarken in London, Mailand und Skandinavien.
Mit der Zeit begann sie, die Branche zu hinterfragen. Insbesondere bei Sneakern erkannte sie ein grundsätzliches Problem: Viele Bestandteile sind verleimt, verklebt oder verschweisst und lassen sich kaum voneinander trennen. Ist die Sohle abgenutzt, wird deshalb in der Regel der ganze Schuh entsorgt, obwohl das Obermaterial noch intakt wäre. Hinzu kommen immer neue Kollektionen und Trends, die sich in raschem Tempo ablösen, sowie Überproduktion. Diese Probleme liessen sich nicht getrennt voneinander betrachten: «Es ist ein Systemproblem. Man kann nicht nur die Produktion und die Materialien anschauen, sondern muss bis ans Ende denken: Was passiert mit dem Schuh, wenn er sein Lebensende erreicht?»
Austauschen statt wegschmeissen
Schliesslich entschied sich Catherine Meuter, keine Schuhe mehr für andere Marken zu entwerfen. 2020 gründete sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Stefan Mathys VYN. Für ihren Sneaker griffen die beiden ein Prinzip aus dem klassischen Schuhhandwerk auf: Verschleissteile sollen ersetzt werden können, statt den ganzen Schuh auszumustern. «Wir haben der Sneakersohle einen Absatz geschenkt, den man selbst auswechseln kann.»
Wie lange genau sich dadurch die Lebensdauer der Schuhe verlängert, lässt sich natürlich nicht pauschal beziffern. Das hängt davon ab, wie häufig ein Schuh getragen und wie gut er gepflegt wird. «Stefan trägt seinen Prototyp seit sechs Jahren.» Aus Rückmeldungen von Kund:innen schätzt Catherine Meuter, dass ein VYN etwa dreimal länger halten könne als andere Sneaker. Letztlich gehe es ihr aber um mehr als eine technische Lösung. Ihr Thema sei der lange Lebenszyklus eines Produkts – und damit auch die Frage, wie Menschen konsumieren und mit Dingen umgehen. Ein Gegenstand, den man gerne habe, brauche Pflege, Wertschätzung und Interaktion. «Sonst kann er gar nicht zum Lieblingsstück werden. Das braucht Zeit.»
Darin sieht sie einen wichtigen Hebel der Kreislaufwirtschaft. Ein Produkt anders zu konstruieren, reiche nicht aus, wenn sich am Verhalten nach dem Kauf nichts ändere. «Wir müssen als Konsument:innen Teil der Lösung sein.» Bei VYN ist die Kundschaft deshalb Teil des Konzepts: Sie wechselt die abgenutzten Teile selbst aus und kann den Schuh mit verschiedenen Farben verändern und personalisieren. Diese spielerische Komponente soll längere Nutzung mit Freude statt nur mit Verzicht verbinden.
Ein Schuh allein reicht nicht
Catherine Meuter erkennt die Grenzen eines einzelnen Unternehmens. Produktion, Vertrieb, Handel, Nutzung und das Ende eines Produktlebens müssten zusammen gedacht werden. Sie wünscht sich mehr Zusammenarbeit in der Branche und Systeme, die auch klären, was nach dem Verkauf und am Ende der Nutzung mit einem Produkt geschieht. Viele Aktivitäten fänden noch in «kleinen Silos» statt. Für Catherine Meuter beginnt Veränderung deshalb beim einzelnen Produkt und bei den Menschen, die es nutzen. Dass ihre Kund:innen den Ansatz mittragen, stimmt sie zuversichtlich: Was im Kleinen funktioniere, könne mit grösseren Mitteln und Verbünden auch in einem anderen Massstab Wirkung entfalten.
Hier geht’s zur Webseite von VYN.
Abonniere unseren Newsletter, wenn du monatlich über solche Beispiele informiert werden willst.